NEWSLETTER #6

Wolfgang Weigand, Rituale & Coaching



Aus dem Inhalt:

● Das Espresso-Prinzip: Die Kunst des Innehaltens
● Gedanken zum Leben und über das Sterben
● In eigener Sache



Thanksgiving

Wenn die Ernte vorbei ist
und die Farben wieder bunter
und die Tage kühler werden
dann wird der Herbst kommen

Wenn die Liebe sich wandelt
und die Begegnungen intensiver
und die Gespräche wesentlich werden
dann wirst du in die Tiefe kommen

Wenn und dann
Konditionen und Zeitabläufe
ohne dein Zutun,
aber im Vertrauen
auf das Kommende,
auf Entwicklung und Neubeginn.

Die Zeit passiert wie von allein
aber zurück bleibt
ein Dank über so viel Ernte
seit der letzten Aussaat.

(wolfgang weigand)
 





Lieber Leser, liebe Leserin dieses Newsletters

Kennen Sie die Espresso-Strategie? So nennt Hans Kreis sein Coaching-Buch über das „grosse Geheimnis der kleinen Pause“. 10 Espresso-Tassen am Tag wären ungesund, nicht jedoch die 10 „Barista-Weisheiten“, die er umschreibt. Pausen sind zum Sammeln da, nicht zum Zerstreuen. Oder: Kleine Pausen ermöglichen dir Spielräume. In diesen kannst du deine Sehnsucht wieder spüren. Oder: Wenn du etwas festhältst, verlierst du es. Pausen lehren dich immer wieder loszulassen, damit du vom Schicksal reich beschenkt wirst. Oder: Werde der, als der du gedacht bist. Pausen sind wie kleine Heldenreisen. Sie führen dich zu deiner wahren Aufgabe...

Das alles klingt nach Konfuzius oder Buddha. Oder auch nach der heute modern gewordenen Kunst der Entschleunigung: die Fähigkeit, inne zu halten, achtsam zu sein für einen Augenblick, den Blick auf das Wesentliche nicht zu verlieren, und in einer guten Balance zu leben zwischen Sein und Tun, Werden und Bleiben, Lieben und sich-lieben-lassen, Aktion und Ruhe. Und ja: auch zwischen Arbeit und Pause!

Ein Espresso geht nur wenige Minuten, doch in diesen geschieht manchmal Wichtiges. Kreativität, Erfahrung von Sinn, Inspiration durch Visionen und Freude am Leben sind besonders in solchen Momenten des Innehaltens möglich. Auch die Natur wird sich bald zurückziehen, wenn der Herbst sich ankündigt und irgendwann in die Ruhe und Stille des Winters übergeht. Die Welt tankt auf für neues Leben. Nach der Ernte kann man nicht sofort wieder aussäen: ohne den Winter bliebe das Jahr ruhelos.

Ich wünsche dir, euch und Ihnen für die Herbstzeit und die dunkleren Tage viele Momente kraftvoller Pausen. Gönnen Sie sich immer wieder eine kleine Pause, ob mit oder ohne Espresso...

Herzlichst

Wolfgang Weigand
 



Über Bewusstheit, Paradiese, Vogeljunge und Aufmerksamkeit

Die Suche nach Erfolg, Anerkennung und nach Liebe ist oft eine Suche nach mehr Sein oder Authentizität: Leben in Übereinstimmung mit dem, was Sie wirklich fühlen, empfinden und denken, mit dem, was für Sie wesentlich ist.

Vielleicht ist dies auch die Suche nach dem verlorenen Paradies. Wir fühlen uns daraus „vertrieben“ und suchen den Weg dahin zurück. Die berühmte Adam-und-Eva-Geschichte hat Generationen von Menschen geprägt: Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot verdienen, du musst dich anstrengen, alles hart verdienen. Dabei stand eigentlich zu Beginn unseres Bewusstseins nicht eine Vertreibung, sondern ein Segen. „Im Schweiße deines Angesichtes“ lässt sich im Hebräischen wörtlich übersetzen mit: „In der Feuchte deiner Nasenlöcher.“ Dies ist eine Analogie aus dem Tierreich: Solange die Schnauze des Hundes feucht ist, so lange ist er am Leben. Der Vertreibungssatz ist also eigentlich ein Segnungssatz: „So lange du lebst, sollst du dein Brot verdienen“. Da haben grundlegende Verletzungen durch Angst erzeugende Gottesbilder oder lustfeindliche Lebenshaltungen eigentlich überhaupt keinen Platz mehr.

Im Zusammenhang mit Liebe gibt es zwei Arten von Verletztheit, die wir als Kinder erlebt haben: Entweder hatten wir nicht genug Raum zur Entfaltung: Nähe wird dann erlebt als Kontrolle oder Manipulation. Oder aber wir hatten zu wenig warmherzigen Kontakt, so dass wir eine andere Gleichung aufstellen: Nähe ist gleich Verlust oder Liebesentzug. Angst vor „Verschlungenwerden“ führt eher zu Rückzug, Angst vor „Verlassenwerden“ eher zur Suche nach ungesunder Symbiose. Zuneigung bedeutet immer beides: Kontakt und Raum. Man darf das aus dem Nest gefallene Vogeljunge nicht fallen lassen, es aber auch nicht erdrücken…

Bei einem kleinen Baby machen wir es genauso: es hat unsere ganze Aufmerksamkeit für diesen wunderbaren Moment. Wir sind bewusst auf den Augenblick fokussiert, sind „gegenwärtig“. Man könnte dies auch als gelebte Achtsamkeit im Alltag umschreiben. Es ist eine innere Haltung diesem Augenblick gegenüber, in dem kein Raum mehr bleibt für Denken, Erinnerungen, Erwartungen, Wertungen, Hoffnungen, Kritiken oder Vergleiche(n), sondern nur noch Aufmerksamkeit dafür, was gerade geschieht, was gesagt, gehört, gerochen, gespürt oder gesehen wird.

Wenn Sie sich selber und Ihre innere Geistesaktivität, also Ihre Gedanken reflektieren: Wie viele Minuten pro Tag leben Sie wohl genau diese erwähnte Aufmerksamkeit für den Augenblick? Schon zwei Minuten täglich sind wesentlich mehr als nichts; bereits 15 Minuten täglich werden eine andere Ausstrahlung und eine tiefere Gelassenheit ermöglichen. Und jeder Tag hat 24 Stunden…



…und zum Sterben / Loslassen:

In meinen Abschiedsfeiern zitiere ich öfters den 2013 verstorbenen Winterthurer Schriftsteller Jürg Ammann. Er hat sich in seinen Büchern intensiv mit den Themen Angst, Tod sowie gesellschaftliche und persönliche Traumata beschäftigt. 2008 hat er „Nichtsangst: Fragmente auf Tod und Leben“ veröffentlicht (Haymon Verlag). Es ist eine inspirierende Sammlung kleiner pointierter Sätze über Liebe, Religion, Sexualität – und eben über Sterben. Einige seiner Aphorismen möchte ich für Sie gerne in diesem Newsletter wiedergeben.

Wir haben uns nicht aus dem Paradies vertrieben, weil wir von der Frucht der Erkenntnis assen, sondern weil wir nicht ebenso vom Baum des ewigen Lebens nahmen. Zwei Chancen hatten wir: die Finger von beiden zu lassen, unbewusst sterblich zu bleiben. Oder von beiden Bäumen zu essen und bewusst unsterblich zu werden. Uns aber hat auf halbem Weg der Mut verlassen.

Die Kraft, die man bräuchte zum Leben, hat man gebraucht, um am Leben zu
bleiben. Die Kraft, die man gebraucht hat, um am Leben zu bleiben, fehlt einem, um zu leben.

Angesichts der gleichmachenden Unendlichkeit des Todes hat jeder das Recht wenigstens auf das bisschen eigenes Leben. Und keiner hat einem andern zu sagen, was er darunter zu verstehen hat.

Nie da sein, wo jemand stirbt. Aber auch: niemanden allein sterben lassen. Einzige Lösung: niemanden sterben lassen.

Die Angst davor, mit einem Menschen, den man liebt, alt zu werden, sich mit ihm ganz einzulassen, ist auch die Angst davor, dass er einmal sterben wird, vielleicht vor einem, und dass man das nicht ertragen wird,
weil man ihn liebt.

Es ist alles Verkleidung: Religion, Nation, Profession etc., das Geschlecht, der Zivilstand, das Alter usw., das Leben eben. Nur der Tod nicht, der Tod ist das Verkleidete.

„Von seiner schweren, mit Zuversicht ertragenen Krankheit erlöst“, hiess es heute wieder in einer Todesanzeige. Aber was heisst denn erlöst? Erlösung von einer Krankheit könnte ja beispielsweise auch Genesung sein.

In den Tag hinein leben, korrigiert er sich. Aber das ist nicht das Problem. Aus dem Tag wieder heraus finden, darum geht es. Sich im Tag nicht verlieren. Nicht zu früh am Ende der Tage sein.

In der Spannung zwischen Trauer und Sehnsucht hält sich der Mensch im Leben. Solange er kann.

„Heimat ist da, wo man sterben will“, sagt jemand am Radio. Was, wenn man
nicht sterben will? Die Ursache der Heimatlosigkeit.

Ich möchte nicht
wegen etwas, sondern für etwas sterben. Wenn ich schon sterben muss.

Man möchte, dass es den Himmel gibt, weil einem die Eltern gestorben sind. Wo könnten sie sonst hin?

Wenn ich wieder an meine Berufung glauben soll, muss ich zuerst an den wieder glauben, der mich ruft. Wer kann das sein? Der Gott meiner Kindheit ist es nicht mehr. Aber gibt es denn einen anderen?

Das Leben hat keinen Sinn. Trotzdem lebe ich es. Aus diesem „Trotzdem“ gewinnt das Leben seinen Sinn.




In eigener Sache:


Café Goodbye

Der Anlass vom 11. September 2016 steht unter dem Motto: Wenn alles anders ist – vom Umgang mit Schicksalsschlägen. Die einstürzenden Türme von Nine-Eleven haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. An diesem Tag denken wir aber über individuelle Schicksale nach. Carla Soldato und ich sind im Gespräch mit Katrin Eckert, die selber mit 27 schwer an Krebs erkrankte und heute gesund ist.
Türöffnung ist, im Bistro Dimensione an der Neustadtgasse 25 in Winterthur, wie immer um 9.00 Uhr, um 9.30 Uhr wird dann das Café Goodbye beginnen. Sie sind herzlich eingeladen!

Vorschau: Das nächste Café Goodbye am
13. November 2016 wird von der Theologin Martha Müller aus Dornbirn gestaltet. Sie ist auch in Traumarbeit ausgebildet und gibt uns einen Input zum Thema: Letzte Träume: Wenn der Tod uns in der Nacht begegnet.


Kabarett „Der Tod ist doch das Letzte!“

Bin weiterhin unterwegs mit meinem neuen Solo-mit-Urne. Am 26. August spiele ich um 20.00 Uhr in der Zürcher Predigerkirche. Nähere Infos über weitere Auftritte sind wie immer
hier auf meiner Website aufgeschaltet.


Kurs: Begleitung am Lebensende – dem Sterben ein Zuhause geben
In Zusammenarbeit mit der AXA-Stiftung Generationen-Dialog darf ich diesen Kurs anbieten. Er findet statt jeweils von 16.30 - 19.00 Uhr am 20.9., 27.9., 4.10., 1.11., 8.11. und 15.11.16. Näheres zum Seminar findet sich unter diesem Direktlink.

Ich freue mich auf Ihre Anmeldung!


Ihr Wolfgang Weigand
 



Impressum:



Wolfgang Weigand

Rituale & Coaching
Oberer Graben 2
CH-8400 Winterthur

044 941 00 59
079 359 56 46

mailto:w.weigand@schritte.ch

www.schritte.ch
www.abschiedsfeiern.ch

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