NEWSLETTER #7

Wolfgang Weigand, Rituale & Coaching



Aus dem Inhalt:

● Geben-und-Nehmen-Prinzip oder Kunst der Erwartungslosigkeit?
● Gedanken über das Sterben und zum L(i)eben
● In eigener Sache



Schneefall

Ich setzte meinen Fuss
in die Luft
und sie trug
sagte Hilde Domin

ich setze mein Vertrauen
in unsere Liebe
und sie schützt

ich lege meine Ängste
in deine Berührung
und sie bewahrt

ich singe meine Lieder
in den Wind
und er hört

ich gehe meine Wege
hin zu dir
und du bist da

Liebe
ganz einfach
wie sanfter Schnee

(Wolfgang Weigand)
 





Lieber Leser, liebe Leserin dieses Newsletters

Bestimmt kennen Sie das „Geben-und-Nehmen-Prinzip“, die gegenseitige moralische Verpflichtung, zum Beispiel ein Kompliment zurückzugeben oder ein Geschenk (ideell oder materiell) mit einer Gegengabe zu erwidern. Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es heraus... Soziologen nennen dies Reziprozität, also „Gegenseitigkeit im sozialen Austausch“. Das klingt zivilisiert und höflich und gehört im Business sicherlich auch zu den grundlegenden Haltungen. Es führt aber oft auch zu Stress und Unfreiheit. Was zurückschenken? Wie sich „erkenntlich“ zeigen?

In einem Blog von Hannelore Vonnier habe ich gelesen: Reziprozität ist ein moralischer Zwang, der an Weihnachten zum Albtraum expandiert. Dieser Zwang führe zu sinnlosem Konsum und Kompensation, bürde den Beschenkten ungewollten Ballast auf und etabliere künstliche Schuld-Beziehungen, weil Beziehungen auf “Gegengeschäfte” reduziert werden.

Erwartungslos schenken dagegen inspiriert und bereichert, weil es nicht „enttäuscht“ werden kann. Wie also diesen Kreislauf von gegenseitigen Erwartungen durchbrechen? Entweder, indem die beschenkte Person nicht die Mittel des Zurückgebens hat (z.B. ein Bettler oder eine soziale Organisation). Oder durch eine „Verleihung“, also eine Prämierung oder Belohnung. Das kann mit einem Geldgeschenk verbunden sein, besteht aber immer auch aus einer Urkunde oder einem Zeugnis: für die beste Mama; für den engagiertesten Sohn der Welt; für die netteste Grossmami; für das schönste Familienfest seit langem… Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Diese “Geschenke” sind Kompliment und Anerkennung – und müssen nicht erwidert werden.

Vielleicht sind die kommenden Weihnachtstage eine gute Möglichkeit, auch mal solche andere Geschenke zu wagen, die nicht der Reziprozität unterliegen, und eben zum Beispiel solche Urkunden der Aufmerksamkeit und Zuneigung zu überreichen. Ich wünsche Dir / Euch und Ihnen für die kommenden Festtage viele Überraschungen, innere Freiräume, friedvolle Momente und gelingende Begegnungen. Und natürlich einen kraftvollen bewegten Übergang ins neue Jahr 2017!

Herzlichst

Wolfgang Weigand
 



Was Sterbehemd und Brautkleid gemein haben –
Gedanken zum Sterben


Fritz Roth war ein bekannter deutscher Trauerbegleiter und Bestatter. Er starb am 12. Dezember 2012 an Krebs. Eines seiner Bücher heisst „Das letzte Hemd ist bunt“. Darin plädiert er für eine radikal neue Freiheit in der Sterbe- und Abschiedskultur und für mehr Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit und damit, wie wir liebgewordene Menschen verabschieden.
Für eine Hochzeit als grosser Übergang im Leben planen wir oft weit im Voraus, legen jedes Detail fest, kümmern uns liebevoll um die Gästeliste, stellen ein wundervolles Menü zusammen, lassen Familien und Freunde etwas beitragen. Auch wenn es wieder zu einer Trennung kommen kann: es bleibt immer die Erinnerung an ein besonderes Fest in einem unvergesslichen Rahmen. Warum machen wir es beim Abschied, also beim „Abschlussball des Lebens“, nicht genauso? Liebe und Abschied – beides will gefeiert werden, oft eben auch mit einem besonderen Kleidungsstück….

Der Abschied ist ein Übergang, eine grosse Krise für diejenigen, die zurückbleiben. Wer hilft uns dabei, wo finden wir Halt?, so fragt sich der Soziologe Hartmut Rosa in seiner Gesellschafts­kritik „Beschleunigung“. Seine Antwort: es ist immer der Halt, den eine innere Haltung ermöglicht. Unsere Kompetenzen zum Beispiel kann uns niemand nehmen, unseren Arbeitsplatz schon. Unsere Ehe mag in die Brüche gehen: unsere Fähigkeit zu lieben bleibt uns erhalten.
Roth erweitert Rosas Gedanken: „Scheidung, Arbeitslosigkeit und Krankheit zählen zu den Brüchen, die in jeder Biografie vorkommen können; damit werden die Fähigkeiten, mit solchen Einbrüchen, die das Leben in ein Davor und ein Danach trennen, fertigzuwerden, zu wichtigen Lebens­kompetenzen. Der Tod, den wir verdrängen und ausserhalb des Erfahrungs­horizonts halten, ist der Maximalfall eines solchen Bruchs. Für viele Menschen entwickelt sich aus einer Lebenskrise der Aufbruch in ein anders, bewussteres und mutigeres Leben. (…) Sie gewinnen den Mut, ihren eigenen Werten zu folgen – auch um den Preis, mit Regeln und Erwartungen zu brechen.“

Norma Bauernschmidt hat dies getan. Sie ist 91 und schwer krank. 2 Tage nach dem Tod ihres Mannes erhält sie im Juli 2015 die tödliche Diagnose: Gebärmutterhalskrebs. Sie weigert sich, ins Spital zu gehen, und reist seit August 2015 mit ihrem Sohn im Wohnmobil durch Amerika. Fotos ihrer letzten Reise in ihrem Blog „Driving Miss Norma“ auf Facebook wurden von über 500 000 Followers „geliked“. Sie ist vor kurzem gestorben, aber ihr Mut, nochmals auf die Reise zu gehen, und zu leben, so lange es geht, hat viele Menschen berührt. „Das letzte Hemd ist bunt“ – vielleicht galt das ja auch für Norma Bauernschmidt.




Ein „Diagnosehandbuch“ für Liebende

Der amerikanische Buddhist und Psychotherapeut John Wellwood hat einmal etwas pointiert formuliert: „Wenn man von einigen biochemischen Ungleichgewichten und neurologischen Störungen absieht, könnte das Diagnosehandbuch für psychische Leiden (DSM) gut mit folgendem Satz beginnen: Hierin ist all das Elend beschrieben, wie sich Menschen fühlen und verhalten, wenn sie nicht wissen, dass sie geliebt sind…“

Umgekehrt bedeutet das doch: wenn ich weiss, dass ich geliebt bin, darf ich inspiriert, gesund, vital und „störungsfrei“ durch das Leben gehen. Aber das ist nicht so einfach, wie aus vielen Wunschlisten für die Weihnachtstage zu lesen ist:

  • keine Angst mehr davor haben, nicht zu genügen

  • liebesfähig sein und bleiben

  • sich mit Menschen versöhnen dürfen, mit denen es Konflikte gab

  • Vergebung erfahren von Menschen, die man verletzt hat

  • eine ins Herz geschriebene Lebensaufgabe entdecken und gestalten

  • sich sicher und angenommen fühlen, auch wenn eigene Begrenzungen verunsichern.

Manchmal zitierte ich bei meinen Trauungen ein kurzes Liebesbekenntnis:
Ich liebe dich nicht nur,
weil du so bist, wie du bist,
sondern auch,
weil ich bin, wie ich bin,
wenn ich mit dir bin.

Ich glaube, das ist das Schönste, mit einem Menschen unterwegs sein zu dürfen, der mich versteht, mich leben lässt, unverstellt und authentisch, und bei dem ich eben auch das entwickeln darf, was mich ausmacht und Ausdruck finden will. Vielleicht könnte es dann auch das Diagnosehandbuch für Liebende geben: „Hierin ist das Glück beschrieben, wie Menschen sich fühlen und verhalten, wenn sie wissen, dass sie geliebt sind…“ Ja: sich innerlich sicher sein über das, was wirklich wesentlich ist, in der Balance leben zwischen Risiko und Sicherheit, Zusammensein und Alleinsein, Alltag und besondere Momente, Konfrontation und Harmonie, Begegnungen und Stille, Anpassung und Eigenständigkeit, Zäsuren im Leben und Erfahrungen der Fülle.

Ich möchte Ihnen das wünschen, diese oder diesen einen Menschen immer wieder zu finden und an der Seite zu haben, nicht nur an den kommenden Festtagen, sondern auch im neuen Jahr 2017.



In eigener Sache:


Café Goodbye

Der nächste Anlass am 12. Februar 17 steht unter dem Motto
Mahlzeiten rund ums Sterben: Die heilsame Kraft des Zusammenkommens. Ich freue mich sehr, dass dazu noch einmal die Theologin Gisula Tscharner kommt, ordinierte Seelsorgerin und „Sammelweib“, wie sie sich selbst bezeichnet. Türöffnung ist im Bistro Dimensione an der Neustadtgasse 25 in Winterthur wie immer um 9.00 Uhr, um 9.30 Uhr wird dann das Café Goodbye beginnen. Den Flyer finden Sie direkt hier. Sie sind herzlich eingeladen!


Kurs: Begleitung am Lebensende – dem Sterben ein Zuhause geben

In Zusammenarbeit mit der AXA-Stiftung Generationen-Dialog durfte ich vor kurzem diesen Kurs über 6 Nachmittage durchführen. Es war ein spannender Prozess, wichtige Aspekte der Sterbebegleitung wie eigene Biografie-Arbeit, Kommunikation mit Sterbenden, Selbstbestimmtheit, Sterbephasen, Trauerkonzepte etc. zu erarbeiten. Gerne möchte ich den Kurs auch 2017 wieder anbieten. Kursstart ist Mittwoch, 22. Februar. Nähere Informationen zum Kurs finden sich unter dem Direktlink. Ich freue mich auf Ihre Anmeldung bis 31. Januar 2017 unter
w.weigand@schritte.ch.

Falls noch inhaltliche oder terminliche Unklarheiten sind: am Mittwoch, 25. Januar 2017, finden um 17 und 19 Uhr zwei unverbindliche Info-Veranstaltungen statt; dafür ist keine Anmeldung nötig.


Kabarett „Der Tod ist doch das Letzte!“

Bin weiterhin unterwegs mit meinem neuen Solo-mit-Urne. Am 4. Februar 2017 spiele ich um 19.30 Uhr in Kloten im Hegnerhof. Nähere Infos über weitere Auftritte sind wie immer auf meiner Website aufgeschaltet. Nach wie vor kann man mich auch für Privatanlässe wie Geburtstage oder Firmenevents buchen.
 



Impressum:



Wolfgang Weigand

Rituale & Coaching
Oberer Graben 2
CH-8400 Winterthur

044 941 00 59
079 359 56 46

mailto:w.weigand@schritte.ch

www.schritte.ch
www.abschiedsfeiern.ch

Versandhinweis:
Der Newsletter erscheint vierteljährlich. Im letzten Newsletter ging es um die Espresso-Strategie, zuvor um das Anna-Karenina-Prinzip und um den Hofnarren. Wenn Sie diese Newsletter noch beziehen möchten, können Sie sie gerne unter w.weigand@schritte.ch anfordern.

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