NEWSLETTER #9 zum Sommer 2017

Wolfgang Weigand, Rituale & Coaching



Aus dem Inhalt:

● Ich mag den Sommer (nicht)
● Gedanken zu Literatur und Lebensqualität
● In eigener Sache



Sommerregen

In der schwülen Hitze der letzten Wochen
lechzte die Erde nach dem Nass
und auch meine Kehle
war schon ganz trocken geworden
Doch dann wurde es finster
der Wind atmete laut
ein Blitz durchbrach die Wolkenwand
und da sich die Schleusen öffneten
gab es keinen Halt mehr

Und als sich der Staub vermischte
mit dem Duft des Regens
und Erleichterung
auf jedem Gesicht zu lesen war
da schlich auch ich
wie ein hungriger Wolf
auf die Strasse
und die Begegnung
mit dem Sommerregen
öffnete mir
den Himmel

(Wolfgang Weigand)
 



Lieber Leser, liebe Leserin dieses Newsletters

Gedanken zu Literatur und Lebensqualität

Vor wenigen Wochen schrieb Matthias Plüss im Magazin des Tagesanzeigers eine witzige Glosse: Ich mag den Sommer nicht! Der Sommer sei eine Leidenszeit, alles werde schwerer, nur der Schlaf nicht. Es seien zwar laue Abende, aber eben selten ohne „Mücken und anderes Gesindel“. Der Pyromane von nebenan bläst Rauch ins Gesicht, erst ab Mitternacht sind die Temperaturen erträglich. Die dicht gefüllten S-Bahnen sind wieder mal nicht klimatisiert, der Schweiss vermischt sich mit diversen Parfüms zu einem olfaktorischen Tsunami. Das „thermische Optimum“, so Plüss, liege bei 15 bis 20 Grad, oberhalb dieser Grenze steigen die Sterberaten, aber auch die der Verkehrsunfälle mit Verletzten (also nicht bei Glatteis im Winter!).

Und Plüss ergänzt noch, dass der Sommer unsozial mache (man gibt weniger Trinkgeld, Richter fällen härtere Urteile), und aggressiv (es wird mehr gehupt auf der Strasse; auch Kriege finden mehrheitlich in der warmen Jahreszeit statt…)

Der Sommer stifte die Menschen an, sich in Horden zusammenzurotten, das sei das Problem. Oder frei nach Blaise Pascal: “Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“

Vielleicht haben Plüss und Pascal es etwas ironisch gemeint – und es geht den beiden genauso wie mir! Ich fühle mich nämlich gerne wie dieser hungrige Wolf, der auf die Strasse geht, Begegnungen sucht, Gespräche, sich von der Natur und einem Gewitterregen verzaubern lässt und die Lebendigkeit in sich spürt, obwohl seit dem 22. Juni die Nächte schon wieder kürzer werden.

Und was die Hitze anbelangt: Schwitzen hat ja immer auch mit Transformation zu tun: fliessen lassen, was blockiert; loslassen, was abhängig macht; abkühlen, was das Gemüt (oder die Gedanken) erhitzt; klären, was unter der Oberfläche schwelt; vielleicht auch zum Wesentlichen kommen - und dann neu auftanken. Ich wünsche dir, euch und Ihnen von Herzen immer wieder einen offenen Himmel. Und inspirierte Sommertage – diesseits oder auch mal jenseits des thermischen Optimums. …




Herzlichst

Wolfgang Weigand
 





Von Müll, Paradies, Liebe und einer Bibliothek


Es war nur eine kleine Meldung in den Medien im Juni 2017, eine Randnotiz zwischen Terror-Nachrichten, Brexit und Trump-Eskapaden. Vor zwanzig Jahren fand der Müllmann José Alberto Gutiérrez aus der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá am Strassenrand, zwischen Altpapier und Restmüll, eine Taschenbuch-Ausgabe von Leo Tolstois Roman "Anna Karenina". Die Seiten waren vergilbt, der weisse Pappeinband modrig. Gutiérrez nahm das Buch trotzdem mit nach Hause, mit einer für ihn wegweisenden Erkenntnis: "Die Leute werfen tatsächlich Weltliteratur in den Abfall."

Der 54jährige Gutiérrez kam nie über einen Grundschulabschluss hinaus und ging zur Müllabfuhr aus Mangel an Alternativen. Trotzdem bekam er die Liebe zum geschriebenen Wort ins Kinderbett gelegt. Heute zitiert er Jorge Luis Borges, wenn er von dieser Liebe erzählt: "Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt."

Über die Jahre hat er sich zu Hause sein eigenes Paradies geschaffen. Er sammelte alles Lesbare, was er im Müll fand. Auf diese Weise kamen über 20 000 Romane, Gedichtbände und Sachbücher zusammen. Im ersten Stock seines kleinen Hauses eröffnete er eine Bibliothek. Seine Frau Luz Mery bessert zerfledderte Buchrücken aus; auch die drei Kinder helfen. Sie organisieren Lesungen und Unterricht für sozial Benachteiligte im Viertel. Es ist ein Familienbetrieb, der aus Abfall Wissen macht, ja: aus Totem neues Leben.

Unter dem Namen "El señor de los libros", der Herr der Bücher, hat es Gutiérrez inzwischen zu bescheidenem Ruhm gebracht. Er wird zu Literaturfesten und Fernsehsendungen eingeladen, und muss nicht mehr alle Neueingänge selbst aus dem Müll fischen, Buchspenden erreichen ihn aus dem ganzen Land. Er gründete die Stiftung "Kraft der Worte", die ein Netz von privaten Gratis-Bibliotheken in Bogotá betreut.

Ja, Bücher sind Schätze, die das Leben bereichern. Lesen Sie Ihren Lieben doch wieder mal etwas vor! In Trauergesprächen frage ich übrigens Angehörige oft, was ihre Verstorbenen zuletzt gelesen haben. Manchmal kann ich dann bei der Abschiedsfeier daraus zitieren. Es ist so etwas wie eine berührende letzte Lesung. Einmal erhielten alle Trauergäste je eine Seite eines italienischen Liebesromans, den die verstorbene Mutter und Nonna so gerne gelesen hatte, als Andenken mit nach Hause: ein Symbol für schwerelose Inseln im Alltag. Wenn Sie an Ihre eigene Abschiedsfeier denken: Aus welchem Buch könnte dann einmal vorgelesen werden?





...und zum Bewusstsein für Lebensqualität. 

Bei Jorge Bucay ist eine berührende Geschichte überliefert.

Ein Mann geht zum Dorf Kammir. Vor dem Dorfeingang ist ein grüner Garten mit Vögel und zauberhaften Blumen – und weissen Steinen, die verstreut zwischen den Bäumen stehen.

Auf einem Stein sieht er plötzlich eine Inschrift: Abdul Tareg, lebte 8 Jahre, 6 Monate, 2 Wochen und 3 Tage. Er erschrickt ein wenig: der Stein ist offensichtlich ein Grabstein, noch dazu für ein so junges Menschenkind. Auch der nächste Stein hat eine Inschrift: Yamir Kalib, lebte 5 Jahre, 8 Monate und 3 Wochen. Der Mann ist zutiefst erschüttert. Dieser hübsche Ort ist ein Friedhof, überall Namen und die Lebenszeit der Toten, und der älteste von ihnen kaum älter als elf Jahre! Er setzt sich nieder und weint.

Der alte Friedhofswärter kommt auf ihn zu und fragt, ob er um einen Familienangehörigen trauere. „Nein“, sagte der Mann, „aber was ist nur in diesem Dorf geschehen? Warum liegen hier so viele Kinder begraben?“

Der Alte lächelte und sagt: „Beruhigen Sie sich. Es gibt keinen Fluch. Wir haben hier einen alten Brauch. Wenn ein Jugendlicher fünfzehn Jahre alt wird, schenken ihm seine Eltern ein kleines Heftchen, das wir um den Hals tragen. Von diesem Moment an wird jeder Augenblick, in dem einem etwas sehr Schönes widerfährt, in diesem Büchlein festgehalten: links, was uns so glücklich gemacht hat, und rechts, wie lang das Glück gedauert hat. Sich verliebt zu haben, der erste Kuss, ein Kind zur Welt zu bringen, die lang ersehnte Traumreise, die Hochzeit des Freundes, das Wiedersehen nach langer Zeit und vieles mehr. Wir halten jeden freudvollen Augenblick in diesem Büchlein fest. Und wenn jemand stirbt, so schlagen wir sein Büchlein auf und rechnen die Glücksmomente zusammen, um das Ergebnis auf sein Grab zu schreiben. Für uns ist einzig und allein dies die wirklich gelebte Zeit.“

Wenn wir unsere Glücksmomente zusammenzählen: wie viel Zeit kommt da wohl zusammen? Und was zählen wir da überhaupt dazu? Und wie lange gehen diese? Ich wünsche dir, euch und Ihnen, dass Sie wirklich leben, dass Sie Tage, Stunden, vielleicht auch nur kurze Augenblicke, geniessen können. Und dass dann eine schöne Summe Lebenszeit herauskommen wird am Ende. Bücher und Glücksmomente sammeln - wir können ja in diesem Sommer schon mal damit beginnen!
 



In eigener Sache:


Café Goodbye

Am Sonntag, 10. September, wird der Medienschaffende und Filmemacher Hannes Hug unser Gast sein. Er stellt diesmal keinen neuen Film vor, sondern erzählt uns vom Freitod seiner Schwester. „Wie Familien mit Suizid umgehen“, so heisst unser Thema diesmal, und wir freuen uns auf anregende, berührende Impulse und Gespräche mit Ihnen.

Türöffnung ist, im Bistro Dimensione an der Neustadtgasse 25 in Winterthur, wie immer um 9.00 Uhr, um 9.30 Uhr wird dann das Café Goodbye beginnen. Sie sind herzlich eingeladen!


Neuauflage Kurs:
Begleitung am Lebensende – dem Sterben ein Zuhause geben


Der Kurs richtet sich an Menschen, die im Angehörigen- oder Bekanntenkreis jemanden begleiten, die im Pflege- oder Sozialbereich beruflich tätig sind / waren, oder die sich einfach für das Thema interessieren und bewusster mit der eigenen Vergänglichkeit und mit Erfahrungen von Abschied und Trauer leben möchten.

Ich führe diesen Kurs wieder in sechs Einheiten durch, diesmal in
Zusammenarbeit mit palliative zh+sh. Er findet statt zwischen September und November 2017, jeweils donnerstags von 16.30 Uhr bis 18.45 Uhr, oder alternativ als Abendgruppe von 19.15 Uhr bis 21.30 Uhr (Termine: 21./28. Sept, 5. Okt, 2./9./16. Nov. 17)

Folgende Themen werden thematisiert:

  • Persönlicher Umgang mit Trauer, Verlust und der eigenen Vergänglichkeit

  • religiöse Bilder von Tod und Jenseits

  • Trauer- und Sterbephasen, neueste Erkenntnisse aus der Trauerforschung

  • Grundlagen der Palliative Care, Sterben als „normaler“ Prozess

  • Wie über Abschiednehmen / Sterben reden?

  • Selbstbestimmtes Sterben: was heisst das? Exit als Ausweg?

  • Begleitung am Lebensende zwischen Psychologie und Spiritualität

  • Kommunikation mit Sterbenden u.v.m.

Näheres zum Seminar findet sich unter www.pallnetz.ch oder auch direkt hier auf meiner Website. Anmeldungen sind ab sofort möglich unter: w.weigand@schritte.ch.
Wir freuen uns über Ihre Anmeldung (bitte mit Angabe, ob nachmittags oder abends)


Kurs-Hinweis:
Nachdiplomkurs Carpe Diem für Menschen 60+, aeB Schweiz

Seit einem Jahr darf ich den NDK „Carpe Diem – Spät- und nachberufliche Lebensgestaltung für und mit Menschen 60+“ als Dozent mitgestalten. Es ist ein sehr spannender und inspirierender Kurs über ca. 300 Lernstunden, der zudem 10 Credit Points (nach ECTS) generiert. Kursausschreibung und Inhalte finden sich
im Folder direkt hier im Anhang dieses Newsletters.
 



Impressum:

Wolfgang Weigand

Rituale & Coaching
Oberer Graben 2
CH-8400 Winterthur

044 941 00 59
079 359 56 46

mailto:w.weigand@schritte.ch

www.schritte.ch
www.abschiedsfeiern.ch

Versandhinweis:
Der Newsletter erscheint vierteljährlich. Im letzten Newsletter ging es um die Espresso-Strategie, zuvor um das Anna-Karenina-Prinzip und um den Hofnarren. Wenn Sie diese Newsletter noch beziehen möchten, können Sie sie gerne unter w.weigand@schritte.ch anfordern.

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Bildquellen:  convisum / 123RF, kanvag / 123RF, Jozef Polc / 123RF