NEWSLETTER #25 zum Sommer 2022

Wolfgang Weigand, Rituale & Coaching



Aus dem Inhalt:

● Zum Spätsommer: «Normopathie» und Mut zum authentischen Leben
● In eigener Sache: Neuer Gedichtband «Unentwegt», Seminare zu Liebe und Trauer




Ausgrabungen

Ausgrabungen
Wer den Acker pflügt,
muss sich nicht
über das wundern,
was da alles
an die Oberfläche kommt.

Entscheidend ist nur,
mit welcher Sorgfalt
der Mensch
mit seinem Pflug
arbeitet.

Er kann
aufwühlen oder
streicheln.

(alle Gedichte dieses Newsletters sind aus dem neuen Gedichtband „Unentwegt“, Würzburg: Königshausen & Neumann, erscheint im September 2022)
 



Lieber Leser, liebe Leserin dieses Newsletters

Normalität, «Normopathie» und Mut authentischen Leben

«Erst waren es die Flüchtlinge 2015, dann kam Greta Thunberg und Friday for Future, dann die Corona-Angst-Pandemie, jetzt der Ukraine-Krieg. Und was wird danach kommen im Weltgeschehen?», so habe ich im letzten Frühlingsnewsletter gefragt. Zurzeit nehmen Hitzewellen, trockene Flüsse und Ängste vor Energieknappheit bzw. Verteuerung viel Raum ein in der Berichterstattung der Medien. Krieg weicht dem Klimawandel, so scheint es. Und wenn es im Herbst wieder kühler wird: kommen die Massnahmen gegen die Pandemie erneut zurück?

Ich habe mich in den letzten Wochen mit den Büchern des Arztes und Psychoanalytikers Dr. Hans-Joachim Maaz (Der Gefühlsstau, Das falsche Leben, Das gespaltene Land, Corona-Angst u.a.) beschäftigt. Für ihn stehen zwei Begriffe im Mittelpunkt seiner Analysen. Der
Narzissmus aufgrund früher Eltern-Kind-Beziehungsstörungen, der den Menschen als bedroht, ungeliebt oder abhängig verführbar macht. Und die Normopathie, also die Anpassung vieler Menschen an kranke gesellschaftliche Verhältnisse aufgrund des Bedürfnisses nach Anerkennung und Dazugehören. Diese Überkonformität führe aber nicht zu persönlichem Glück, sondern zu einem «falschen» Leben inmitten von Leistungsforderungen, Perfektionismus, Stärkekult. Oder eben in Pandemiezeiten in der «Angstgesellschaft», die zu Polarisierungen, Diskriminierungen, Isolation, psychisch-seelische Verwundungen (nicht nur bei Kindern und den Alten) und zunehmenden Ängsten führt, so dass selbst Macht, Besitz oder Erfolg immer weniger mit Zufriedenheit oder Lebensglück korrelieren.

Die Fähigkeit zum Zuhören und zum für eine Demokratie lebensnotwendigen Diskurs geht immer mehr verloren, weil auf dem «kontaminierten» Feld von Covid19 selbst in Freundschaften und Familien die Fronten immer undurchlässiger wurden. Maaz plädiert für einen «dritten Weg» zwischen «richtig» und «falsch». «Lebendiges Leben ist dynamisches Leben zwischen Versuch und Irrtum, Würdeverlust und Würdegewinn, zwischen Gut und Böse, zwischen wahrhaftig und verlogen. Auch das ‘Gestörte’ und das ‘Falsche’ gehören dazu.»


Dazwischen

Möglicherweise
eventuell
unter Umständen
vielleicht

Gewiss
auf jeden Fall
ganz bestimmt
todsicher

Nein,
so kann es
nicht gehen.

Es muss
irgendwo
dazwischen sein


Erst in der Begegnung auf Augenhöhe mit anderen Menschen und ihren Argumenten sowie im kritischen Mitdenken ist authentisches Leben möglich: «Gehorsam, Unterwerfung und normopathische Anpassung dienen dem Überleben, weil ein authentisches Leben nie wirklich oder tragend erreicht werden konnte oder durfte. Wer nicht nach seinen Möglichkeiten und Begrenzungen leben darf, der muss sich an der Mode, am Mainstream, an politischer Korrektheit orientieren, um in einer Normopathie relativ unbehelligt und nicht bedroht leben zu können (aus: Corona-Angst, S. 72), woraufhin Maaz zur Schlussfolgerung kommt, dass «das Ende einer narzisstischen Normopathie (…) durch die angeblich notwendigen Anti-Corona-Massnahmen verschleiert und ein Virus in Haftung genommen (wird), wo eine grundlegende Diskussion unserer bisherigen Lebensformen, gefordert ist. Diese Diskussion kann nicht durch Ängstigung und Einschüchterung erfolgversprechend geführt werden» (ebd., S. 73f).


Geradlinigkeit

Sich selber
treu zu bleiben,
setzt voraus,
dass man weiss,
wer man ist.

Wer sich selbst
nicht kennt,
würde Untreue
einfach mit Abwechslung
verwechseln.


Der Lockdown zu Beginn der Pandemie war für mich ein sehr spannendes gesellschaftliches Gross-Experiment: mehr Entschleunigung, Stille, Naturnähe, bei-sich-sein, dafür weniger Stau, Dichtestress und Unruhe. Natürlich können wir nicht mehr dahin zurück, dass (fast) alles Leben stillsteht. Aber wir können auch nicht mehr einfach so zurück in die «Normalität» vor der Pandemie, als ob kein Unbehagen darüber gewesen sei, was in unserer Welt, Natur und Gesellschaft geschieht. Kreativität, Achtsamkeit und immer wieder «out-of-the-box»-Denken sind gefragt, wenn es um ein menschliche(re)s Miteinander geht.


Bedingung

Das Vertraute
verlassen
sich von Ballst
befreien
wieder neu
auf dich zugehen
und dich
herzen und lieben
als ob nichts sei.

Das schon gerne,
aber wie?

Um über seinen Schatten
springen zu können,
muss man
in der Sonne stehen.


Immer wieder mal bewusst Zäsuren schaffen im Alltag, notwendige Unterbrüche, die Kraft reinigender Sommergewitter erleben. Und vielleicht auch wieder mal einen neuen Umgang mit der Vergänglichkeit finden. Um noch einmal Maaz zu zitieren: «Leben ist Frist, aber die Dauer der Frist ist unbestimmt. Diese Unbestimmtheit gibt dem Leben Sinn im Kraftfeld von Selbstverwirklichung und Selbstversagen».
Aber wo finden wir dieses Kraftfeld des Sinnes?




Etwas sehr Sinnvolles ist mir neulich auf der Terrasse begegnet, als ich das Liebesspiel zweier Schnecken beobachten durfte. Es war ein Tanz, ein Dialog, innig, zärtlich, zeitvergessen. Er zog sich über Stunden dahin, dazwischen immer wieder etwas Arbeiten, Essen, Kaffee trinken – und die beiden Tanzenden waren noch immer da. «Der Geräusch einer Schnecke beim Essen» hatte mich einige Monate zuvor als literarische Hommage an die Langsamkeit und Unscheinbarkeit fasziniert, und nun war selbst in Zeuge dessen, was das Leben eigentlich ausmacht: Nähe, Intimität, Vertrautheit, Zeit-Vergessenheit, Flow, Intensität eines Augenblicks.


Gesang

Leben heisst
manchmal
Brückenschlagen
auf fremden Balkonen sitzen
und die Welt entdecken.

Liebe heisst
immer wieder
Bäche überschreiten
Landschaften erkunden
und Menschen erspüren.

Lieder singen
von Brücken
Balkonen
Welten und Menschen.

Singen wir also,
dass wir im Lieben
leben
und im Leben
lieben…

Ich wünsche dir, euch, Ihnen immer wieder diesen Mut zum authentischen Leben und zum Fehler-Machen, zum Wachsen und Reifen. Und viel Inspiration für den Weg zu einer neuen «Normalität», in der Begegnung, Nähe, Freundschaft, Dialog, Berührung, Freiräume, Offenheit, Angstfreiheit und Vitalität wieder selbstverständlich werden.

Herzlichst



Wolfgang Weigand


 



In eigener Sache:

Neue Gedichte-Sammlung «Unentwegt»


Die Gedichte des vorigen Abschnittes erscheinen wieder im Verlag Königshausen & Neumann unter dem Titel «Unentwegt» im Herbst 2022, also in Kürze. Es sind zärtliche, doppeldeutige, rebellische, wütende, stille, freche, provozierende, leise, manchmal auch melancholische Gedichte über Leben und Sterben, über Menschen und ihre Zweifel, über die Suche nach Liebe und dem Himmel irgendwo. Unentwegt spannt einen lyrischen Faden von Erinnerungen und Beobachtungen hin zu Hoffnungen und Fragen an das Leben und seine Grenzen, es wird geliebt und «zerliebt», ersehnt und verabschiedet. Es geht um das, was uns wesentlich angeht…

Vorbestellen können Sie die Gedichte-Sammlung
«Unentwegt» jetzt schon beim Verlag unter: bestellung@koenigshausen-neumann.de


PS:
Der Erzählband mit den Kurzgeschichten, «Grenzgänger», ist jetzt in einer Zweitauflage erschienen.

Zudem bin ich weiterhin gerne als
«Stör-Vorleser» unterwegs. Ich komme zu Ihnen nach Hause und lese auch vor einem kleinen Publikum in Ihrem Wohnzimmer aus meinen Büchern. Auch «Wir bleiben doch Geschwister», «Maria erscheint», «Sterbelos» und «Grenzgänger» oder meine Aphorismussammlung «Verdichtungen» können auf dem Programm stehen. Für ein vergnüglich-inspirierendes Literaturerlebnis können Sie mich gerne direkt kontaktieren.


Seminare




«Spurensuche in der Liebe» –
Seminar für Paare und Liebe-Suchende
Samstag und Sonntag,  3. und 4. September 2022
Kartause Ittingen

Der Traum von einer glücklichen Partnerschaft ist tief in uns verankert. Zugleich scheitern so viele Beziehungen oder wir geraten an die scheinbar «falschen» Partner. Diesem Dilemma geht ein neues Beziehungsmodell auf den Grund. Es vermittelt eine spirituell-psychologisch überraschende Sicht auf das, was beim Verlieben geschieht. Zugleich zeigt es einen Weg der Heilung durch die Entwicklung der eigenen Liebesfähigkeit....

Das Seminar ist für Paare, die in ihrer Beziehung etwas Grundlegendes verändern möchten, aber auch für Liebe-Suchende: Alleinstehende, Getrennte, sich immer wieder Verliebende, die bei ihrer Suche etwas Grundlegendes verändern möchten.

» Näheres zum Seminar und Anmeldung

Dasselbe Seminar findet im Übrigen auch nochmals statt im wunderschönen Bad Schauenburg am Samstag und Sonntag, 22. und 23. Oktober 2022.

» Weitere Infos und Anmeldung


«Im Lebensfluss»
Sechs Halbtag-Workshops zwischen dem 6. September und 22. November 2022
IPE-Zürich (Institut für Philosophie und Ethik)

Dieser Zyklus an der Schnittstelle von Medizin, Spiritualität, Philosophie und Leben ist für alle Menschen, die ihren Alltag mit neuen Impulsen bereichern möchten, die im Alltagstrott aufbrechen wollen und den Perspektivenwechsel lieben.

Die sechs Workshops (Liebe, Resilienz, Ganzheitlichkeit, Sinn des Lebens, Spiritualität, Medizin an der Grenze des Lebens) können zusammen, aber auch einzeln besucht werden.

» Nähere Infos und Anmeldung


Seminar «Vom Umgang mit Trauer und Abschied»
Sonntag, 11., bis Mittwoch, 14. September 2022
Benediktushof bei Würzburg/D


Jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens verschiedene Verlusterfahrungen. Die Trauer darüber verändert manchmal alles und erschüttert das bisher Gewohnte. Wie kann Trauer gelebt werden, so dass das Leben wieder strömt? Im Kurs geht es um den persönlichen Umgang mit Trauer und Verlust, um Biografiearbeit und eigene Grenzerfahrungen, um «Trauerarbeit», um das Gespräch über Abschiednehmen und um hilfreiche Rituale im Umgang mit der Vergänglichkeit. .

» Nähere Infos und Anmeldung


Ich freue mich sehr darauf, den Einen oder die Andere bei einem der Seminare wieder zu sehen. Danke auch, wenn Ihr Interessierten aus eurem Umfeld diese Informationen weitergeben könnt.

 



Impressum:

Wolfgang Weigand

Rituale & Coaching
Mühlestrasse 5
CH-8400 Winterthur

044 941 00 59
079 359 56 46

mailto:w.weigand@schritte.ch

www.schritte.ch
www.abschiedsfeiern.ch

Versandhinweis:
Die älteren Newsletter sind auf www.schritte.ch aufgeschaltet!

Fotos: Wolfgang Weigand und Carla Soldato

Möchten Sie keine Informationen mehr von mir erhalten, können Sie sich vom Verteiler abmelden durch Klicken auf den nachfolgenden AUSTRAGELINK.